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So weit die Räder tragen

Er ist schon fast eine Familientradition geworden. Die erste Begegnung mit ihm hatte ich, als ich als 3-jähriger Knirps meinen Vater an der Ziellinie begrüßte. Danach ging es immer im 5-Jahres-Zyklus nach Sölden. Ich kann also sagen, dass er mich schon mein ganzes Leben lang begleitet. Die Rede ist natürlich vom Ötztaler Radmarathon. Und dieses Jahr wollte ich endlich mal selber dabei sein, selber das Finishertrikot in den Händen halten, selber das Timmelsjoch bezwingen. Doch das war noch nicht alles. Ich wollte jüngster Finisher werden.

Die erste Schwierigkeit besteht ja alleine schon darin, einen der so begehrten Startplätze zu erhaschen. Denn schon da hätte bei mir der Traum platzen können. Ein Jahr länger warten und schon wäre ich höchstwahrscheinlich nicht mehr der Jüngste. Aber ich bekam meine Chance.

Fiedje mit seinem Vater - Ötztaler Radmarathon
Erste Begegnung mit dem „Ötzi“ als 3-jähriger Knirps in den Armen des Vaters
© Fiedje Schäfer

Und dann ging es los!

Ich war zwar mit meinem Vater schon viel Joggen gewesen und bin auch sonst ein sportlicher Typ, aber auf dem Rennrad hatte ich bis dahin noch nicht viel Erfahrung. Daher habe ich jedes Radsportevent mitgenommen, was ich kriegen konnte. Das erste war der Herner Radmarathon im April diesen Jahres.

Im Vergleich zum Ötzi ist der zwar leicht, aber ich hatte es trotzdem schwer. War es doch meine erste Langdistanz, die ich im Sattel saß. Und als mir dann alles weh tat, da dachte ich dann: ,,Verdammt, das ist ziemlich schwer. Wie soll das denn jetzt noch mit 5.500 Höhenmetern aussehen?“. Also weiter im Training. Zwei, dreimal pro Woche rauf aufs Rad und ab in die Feierabendrunde. Natürlich neben den zahlreichen anderen sportlichen Aktivitäten.

Dann kamen die Sommerferien und damit natürlich viel Zeit, die ich fast täglich genutzt habe, um mich auf die zwei Räder zu schwingen. Zusätzlich hatte ich mir ab diesem Zeitpunkt vorgenommen, keine Schokolade mehr zu essen. Und das ist mir wirklich schwer gefallen. Die mag ich nämlich richtig gerne. Und dann kam wie aus dem nichts die Generalprobe, die Wendelsteinrundfahrt. Um es kurz zu machen: Alles rollte gut und die Anstrengung war zwar da, aber jetzt auch nicht problematisch. Das war bei mir der erste Moment, in dem ich mir sicher war, dass ich mich vor dem Ötztaler zumindest einmal nicht fürchten muss.

Im Tunnel …

Mit diesem Gefühl und einem guten Fahrrad habe ich mich dann das erste Mal als Teilnehmer nach Sölden gewagt. Und wenn die Anspannung da ist, nimmt man alleine schon den Ort und die Zeit dort ganz anders wahr. Es war zwar schön zu wissen, dass ich dazu gehörte und doch hatte ich auch im Hinterkopf, dass ich mit jedem Schritt näher an den Startschuss rückte. Und ich begann so ganz langsam zu realisieren, dass ich wirklich 8 Monate Vorbereitung auf diese 12 Stunden verwendet hatte. Und ich war stolz darauf, fand das Ganze aber irgendwie auch etwas beängstigend. Und als ich alles Organisatorische, d.h. Kleidung, Equipment und Verpflegung beisammen hatte, kam ich so langsam in den allzu berühmten Tunnel. Und hingegen aller Erwartungen verschwand meine Aufregung immer mehr, desto weiter ich in diesen hineinschritt.

Start beim ÖRM - Ötztaler Radmarathon
Fahrradhelme, so weit das Auge reicht © Ötztal Tourismus

Aber ehe ich mich versah, war dann auch schon der nächste Morgen angebrochen. Ich habe die Augen geöffnet und direkt realisiert: „Jetzt geht es los! Verdammt, es geht los!“. Und dieser Gedanke hielt sich, bis mein Vater und ich unsere Startplätze gefunden hatten. Dann ließ ich nochmal meine ganze Vorbereitung an mir vorbeiziehen und stellte fest, was für ein Gottvertrauen ich hatte: Ein Fehler und die ganze Arbeit wäre umsonst gewesen. Und irgendwann, so ungefähr 10 Minuten vor dem Start, dachte ich dann gar nichts mehr. Einfach nur noch los, nicht dieses lange Warten unter Anspannung, einfach nur Gas geben. Und dann hörte man das bekannte Peng. „Warten, warten, da vorne bewegt sich was!“ Und dann trat ich das erste Mal in die Pedale.

Volle Konzentration

Ab da habe ich mich dann nur noch auf mein Rad konzentriert und versucht die Anspannung und das Lampenfieber auszublenden. Das hat dann auch ganz gut funktioniert. Dafür bekam ich auf der ersten Abfahrt zum Teil richtig Angst. Rechts und links wirst du überholt, bei einer affenartigen Geschwindigkeit, dann wirst du hier und da fast geschnitten. „Einfach nicht drüber nachdenken, konzentrier dich“, habe ich mir gesagt und bin dann auch gut am Kühtai angekommen. Jetzt schnell die Regenjacken und Handschuhe aus und weiter im Takt. Das dachte ich zumindest.

Fiedje Schäfer im Nebel - Ötztaler Radmarathon
Anstieg im Nebel © Sportograf

Denn unmittelbar nach dieser kurzen „Pause“ habe ich meinen Vater völlig aus den Augen verloren. Er hatte mich überholt und ich hatte ihn nicht gesehen. Normaler Weise kein Problem. Doch ich hatte in der Aufregung des Morgens mein Handy im Hotelzimmer vergessen. Und plötzlich hing ich wie aus dem Nichts ganz schön in der Schwebe. „Was ist, wenn er einen Materialschaden hatte? Was ist mit der Zeit? Warten oder Weiterfahren?“ Ich habe mich dann für Ersteres entschieden. Die falsche Wahl. Bis mein Vater dann zum Glück umgedreht ist und mich eingesammelt hatte, war der Ötztaler für mich in Gedanken schon gelaufen. Eine halbe Stunde Verlust, verdammt viel. „So schnell und so schmucklos kann alles enden. Acht Monate Vorbereitung dahin, ausgeträumt“, habe ich gedacht.

Die Hoffnung kehrt zurück

Doch wenn man dann erst einmal wieder zusammen ist, weicht die Niedergeschlagenheit so langsam wieder der Hoffnung. „Erstmal ruhig weiter, nicht überziehen“, war der Tenor. An der Kühtai-Rast haben wir uns nicht viel Zeit gelassen und sind fast direkt in die Abfahrt gegangen. Und die war verdammt kalt. Nässe, Fahrtwind und kalte Temperaturen machten es uns nicht besonders angenehm. Dennoch war die Aufregung der vorhergegangenen Situation noch so groß, dass ich das ganz passabel ausblenden konnte.

Fiedje Schäfer in der Stadt - Ötztaler Radmarathon
Zeit, um kurz durchzuatmen © Sportograf

Am Brenner lief es dann gut, die Räder surrten, schnelles Peloton. Eigentlich alles in Ordnung. Aber nicht mit Blick auf die Durchfahrtszeiten. Noch mitten auf dem zweiten Pass hatten wir nur noch zweieinhalb Stunden, um den Jaufen zu bezwingen. Daher haben wir uns dazu entschieden, auch die Brennerlabe auszulassen, um schnellst möglich nach Sterzing zu kommen. Dort angekommen hatten wir noch 1 Stunde 45 bis zur Kontrolle. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an zu rechnen. Was ist, wenn ich diese Durchschnittsgeschwindigkeit fahre, was wenn diese? Das Ergebnis war, dass wir den Passo di Giovo für unsere Verhältnisse regelrecht hinaufgeschossen sind. Bei durchschnittlichen 10 km/h taten dann zumindest mir die Beine gehörig weh. Doch als ich dann realisiert habe, dass wir das Nadelöhr, die limitierende Durchfahrtszeit packen würden, merkte ich das gar nicht mehr so richtig. So langsam kehrte meine Zuversicht zurück, der Zeitstress schwand. Und das Gefühl, wenn dir klar wird, dass es nur noch auf dich und deinen Kampf mit dem Timmelsjoch ankommt, ist ein verteufelt schönes. Ich glaube, dass mir alle Teilnehmer zustimmen werden, dass nichts so ärgerlich ist, als aufgrund von Zeitgrenzen und nicht aufgrund der eigenen Kondition aus dem Rennen geworfen zu werden.

Der „Endgegner“ wartet

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf ging es dann für mich runter nach Sankt Leonard und rein in die letzte Aufgabe. Ich muss gestehen, dass ich die berüchtigten Kotzkehren von Moos und den restlichen Anstieg bis zur letzten richtigen Pause nicht so schlimm wahrgenommen habe wie befürchtet. Erst, als ich dann beim Speckmichel stand und meinen Blick so langsam gen Passhöhe richten konnte, habe ich festgestellt wie weit das noch ist und was für eine Quälerei das werden würde. Ab da zählte ich jeden Kilometer, machte noch einmal gute Miene zum bösen Spiel, biss, kämpfte. Und als ich dann durch den Timmelsjoch Tunnel fuhr und realisierte, dass ich meinen stillen Kampf mit dem Passo del Rombo gewinnen würde, kehrte zum ersten Mal eine richtige Freude ein. Dann las ich: „Da hast du nun deinen Traum“, schaukelte noch einmal den letzten und zugegeben fiesen Gegenanstieg nach oben und dann hieß es: „Ab nach Sölden“.

Fiedje Schäfer am
Sieg über den „Endgegner“ Timmelsjoch © Sportograf

Ich musste mich nochmal so richtig auf die Abfahrt konzentrieren. Ich hatte schon die ganze Zeit das Bild der Zieleinfahrt vor Augen. Und die sollte dann auch bald kommen. Nach der letzten Kurve fühlte ich mich dann einfach nur noch erlöst und stolz. Ich bremste ein letztes Mal, dann war Stille. Das erste Mal seit 12 Stunden und 26 Minuten Ruhe. Die Freude, dass ich das geschafft habe, kam erst nach und nach, als die Anstrengung nachließ. Denn wie heißt es doch so schön: Die Strapazen vergehen, der Stolz bleibt. Ich hoffe, dass ich noch häufig nach Sölden zurückkehren werde. Denn für mich war es ein unvergleichliches Abenteuer, ein Traum.

(Titelbild: © Sportograf)

Gastautor Fiedje Schäfer

Fiedjes Herz schlägt für die Berge. Wann immer es die Zeit zulässt schnappt er sich Rennrad oder Snowboard und stürzt sich auf die steilen Passstraßen und schnellen Abfahrten der Alpen.

Gastautor Fiedje Schäfer - Ötztaler Radmarathon
Gastautor Fiedje Schäfer © Fiedje Schäfer

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... verschiedene Gastautoren berichten über ihre Erfahrungen im Ötztal / in Sölden / in Obergurgl-Hochgurgl.

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